Das Jahr 25 #1: Schritt für Schritt dem Sport entsagen: Ein Jogging-Experiment

Kennen Sie diese Bilder von glücklichen Joggern, die breit lächelnd über die Straße laufen, deren Frisur perfekt sitzt und deren Körper Kraft und Gesundheit ausstrahlt? Die Jogging-App, die ich mir heute morgen heruntergeladen habe, suggeriert mir eine Verbindung zwischen Laufen und Spaß. Und tatsächlich glaube ich, dass ich irgendwann so aussehen kann, wenn ich joggen gehe. Nur der Weg bis dahin ist gepflastert mit den Menschen wie mir, die nach gefühlten 800 Metern ins Gras fallen, schwer atmend glauben, den Herrn zu sehen und die Teufel verfluchen, die ihnen den Floh ins Ohr gesetzt haben, jemals wieder Laufen zu gehen. 

Das ist die erste Lektion, die ich in meinem Jogging-Experiment lerne. Beim Laufen cool aussehen passiert nicht von alleine. Es bedarf vieler Stunden des Trainings, bis man auf dem Level ist, auf dem man nicht schnaufend laufend die Tiere von den Feldern verjagt, immer wieder stoppt und nach Luft schnappt, dass einen der App-Store irgendwann fragt: „Wollten Sie nicht doch lieber eine Spazieren-Geh App herunterladen?“ Es ist mit dem Joggen, wie mit so ziemlich allem im Leben: Nur durch Training kommt man weiter, ständiges, unglorifizierbares, nervtötendes Training, was sich nicht für Selfies und „Guck mal, wie fit ich bin“-Effekte hergibt.

Die Frage, die sich mir aufdrängt, ist: Woher kommt das eigentlich, dass wir – oder vielleicht auch nur ich – so darauf fixiert sind, gut auszuhen bei dem Training, das doch eigentlich nur für uns ist? Klar, jeder wird per Instinkt sagen, dass er oder sie nicht so ist, Sport nur für sich macht und das cool/gut/professionell-Aussehen unwichtig ist. All jenen, die damit ehrlich sind, gratuliere ich, Ihr seid bessere Menschen als ich. Mich beschleicht aber ob der unfassbar gigantischen Auswahl an Fittness-Kleidungsstücke und Instagram Posts unter Hashtags wie #InstaFit #fitness (Fußnote 1) das Gefühl, nicht alleine zu sein. Irgendwie habe ich tatsächlich gerade unbändige Lust, neue Sport-Sachen zu kaufen, damit ich beim Laufen besser aussehe, oder zumindest einen Grund habe, ein zweites Mal joggen zu gehen.

Eines ist nämlich sicher: Die Erfahrung an und für sich qualifiziert sich nicht als Grund, irgendwann wieder laufen zu gehen. Das Brennen in der Lunge, die Erschöpfung, die sich von den Beinen her durch den ganzen Körper ausbreitet und letztlich mit einem gellenden Stop-Schrei in meinen Gedanken manifestiert, all das führt zu der Frage, warum man seinen inneren Schweinehund nicht einfach gewinnen lassen kann. Warum überhaupt Laufen gehen, wenn ich es nichtmal posten (Fußnote 2) kann, nicht irgendwo Zuspruch gewinnen kann, wenn es mir wirklich gar nichts außer Muskelkater bringt. Instant Gratification ist der Begriff, der das beschreibt. Ich möchte jetzt für mein Joggen belohnt werden, möchte jetzt fit sein, jetzt all das haben, von dem ich mir verspreche, das es mich glücklicher macht. In unserem Fall nenne ich es mal Insta-Gratification. Das gute Gefühl, welches man hat, wenn die Fitness-Posts geliked wurden. Aber dann wiederrum: Das könnte alles nur ich sein.

Langfristig denken ist die Devise. Immer wieder sich dieser Tortur ausliefern bedeutet, irgendwann in der Lage zu sein, nennenswerte Erfolge zu erreichen, die langfristiges Glück zur Folge haben. In der Theorie. Die Fähigkeit, sich selbst zu Anstrengungen zu bringen, wenn sie einem selbst nichts in der direkten Zukunft bringen, ist wirklich beneidenswert und eine der Sachen, die ich im Jahr 25 meines Lebens gerne lernen würde.

Gehe ich morgen früh joggen? Vielleicht, aber ich glaube, man hat Regen vorausgesagt. Wer weiß, ich überrasche mich ja möglicherweise.

Joggingtagebuch: 1 consecutive day of jogging. The streak is alive.

Fußnoten: 

(1) Während der Hashtag „Instafit“ etwa 36 Millionen öffentliche Beiträge zählt, hat der Hashtag „Fitness“ über 261 Millionen öffentliche Beiträge. Die meisten dieser Beiträge zeigen sehr fitte Menschen, ihre Sportkleidung oder ihr Essen. In manchen Fällen muss ich jedoch sagen, dass ich nicht die geringste Ahnung habe, welches die Verbindung zwischen Bild und Hashtag ist.

(2)  Ja, es ist mir klar, dass das Posten auf dem Blog ironischerweise dem Post widerspricht. Gleichzeitig ist es aber genau dieser Gedanke gewesen, der mich nachdenklich gemacht hat: „Oh man, ich bin so lächerlich schlecht im Joggen, ich könnte nichtmal halb-ehrlich ein Instagram Bild posten, auf dem ich Motivation heuchle.“ Das war es, was mich dazu gebracht hat, einen viel zu langen und unleserlich verworrenen Blog-Post zu schreiben. Allein die Frage: Was bringt mich dazu, so zu denken? Warum glaube ich, dass ich mit meinem ehrlichen, schlechten Jogging-Ergebnis nicht das Recht auf Selbstdarstellung habe?

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