Das Jahr 25 #2: Für immer. (a.k.a. Mein cooler Onkel Leo)

Über die letzten Tage hat mir die Vorstellung sehr viele Sorgen bereitet, diesen Tag erleben zu müssen. Heute ist die Beerdigung von meinem Onkel allerdings wirklich. Ich glaube nur durch Schreiben und ehrlich sein kann es mir dabei ein bisschen besser gehen. 

Lange ist es her, dass ich ihn gesehen habe, den Onkel Leo aus Deutschland, der Grund, warum ich mich mal vor langer Zeit auf Familientreffen gefreut habe. Irgendwo hat sich meine Familie zu weit auseinander bewegt, von Streits zersetzt und fragmentiert wird der Kontakt aufgegeben, man sieht sich nicht mehr und belässt es dann auch dabei. Aus einer Stille folgt die Auslassung von Einladungen zu Geburtstagsfeiern und Weihnachtsessen, und die völlige Trennung. Gefallen hat mir das nie, gerade in diesem Fall tat es aber besonders weh, dass ein weiterer Zweig der Familie abbrach und außer Sicht geriet. Doch in meinem Kopf, meinen Zukunftsfantasien und Gedanken, da war nie ein Zweifel daran, dass ich ihn wieder dabei haben würde bei den großen Momenten.

Denn ich kann mir nicht vorstellen, meine Familie zu einem freudigen Anlass einzuladen und er ist nicht dort. Ohne den Mann mit dem roten Pulli und den schnittigen Kommentaren zum Geschehen fehlt ein Teil der Konversation, der mir so viel Spaß machte und ohne den ich nicht weiß, was ich sagen soll. Inmitten der Illusion von Perfektion, zu der jede Familienfeier ausholt, war er immer derjenige, der die Realität zum Ausdruck brachte und in guten wie schlechten Momenten Worte fand, die mich zum lächeln brachten.

Ein Großmaul, ohne jeden Zweifel, aber eben ein solches, das auf Messers Schneide der Ironie wandelte wie wenige, die ich kenne. Ob er die festliche Unterhaltung über die Erfolge der Familie unterbrach, um einem anderen Familien-Mitglied einen guten Anwalt zu empfehlen, mit dem man dessen Friseur fertig machen könne, oder mich mit einer einminütigen Mimik-Show zwischen Genuss und Übelkeit bei der Weinverkostung zum Lachen brachte – er war der Teil der Familienfeste, auf den ich gerne zurückblickte. Er wusste genau, wo die Unsicherheiten der Menschen lagen und brachte sie mit Humor dazu, sich nicht darauf zu reduzieren. Wie Oscar Wilde sagte: Manche Themen sind zu wichtig, um nicht darüber zu lachen.

Als ich mit 10 Jahren ein paar Tage bei ihm und meiner Tante verbringen durfte, fuhren wir nach Köln, um Fußball zu schauen, auf den Dom zu klettern und die Stadt zu sehen. Abends schauten wir Olympia und fuhren zum Drive-In, um Essen zu holen. Ein Mal, dann noch ein Mal, dann noch ein Mal, und schließlich noch ein Mal, bis dass die Bedienung am Drive-In dachte, wir seien Spaßvögel, die nichts besseres zu tun hätten, als vier mal zum Drive-In zu fahren und jedes Mal mit den Worten „Ja wir sinds nochmal“ die Bestellung zu beginnen. Ein sinnlos verbrachter Abend, der mir immer mit Freude in Erinnerung bleiben wird. Am nächsten Morgen, einem Sonntag, nahm er mich mit in die Kirche, auch das gehörte zu ihm.

Was es aber mit der Fehde meines Großvaters und dessen Schwiegersohn auf sich hatte, dem Mann der Schwester meines Vaters, das werde ich vielleicht nie begreifen. Beide hatten sich viel und oft angestachelt, immer zwischen Smalltalk und Respektlosigkeit in einer Grauzaune, die wenige in ihrem Leben finden. Man hätte meinen können, die beiden hassten sich, doch das war nicht der Fall. Vielleicht klingt es auch so, als sei Leo ironisch und distanziert gewesen. Die Art von Humor, die nirgendwo hin führt. Doch das stimmt nicht. In einem der beeindruckendsten Momente meines Lebens schritt er zum Pult bei der Beerdigung seines Schwiegervaters – meines Opas – um eine Rede zu halten, von der ich hoffte, sie würde der verbalen Schlagfertigkeit beider Respekt zollen und mich ablenken von der Trauer. Anstatt dessen brach er in Tränen aus – unfähig auch nur einen Satz zu sprechen. Da lernte ich: Weinen gehört genau so zum Leben, wie Lachen. Es ist keine Verwerflichkeit, es ist ein Ausdruck des eigenen Innenlebens, das man akzeptiert haben muss.

Als ich mit 16 gefirmt wurde, suchte ich ihn als Firmpaten aus, jemand anders wäre für mich gar nicht in Frage gekommen. Symbolisch, wie eine solche Firmung nun ein mal ist, hatte er seine Hand auf meiner Schulter, als wir nach vorne gingen, durch drei Bögen, die das Leben darstellen sollten. Nach der Firmung war dann die Feier. Während ich das große Geschenk vergessen habe, erinnere ich mich daran, dass er mir einen kleinen Stein mit dem Wort „Kraft“ geschenkt hat. Streng gläubiger Christ, der er war, gab er mir etwas mit: „Ich hoffe du vergisst nicht alles außer den Geschenken.“ Daran musste ich in den letzten Tagen oft denken. Bei all den Dingen, die mir zugefallen sind, all den Chancen, die mir geschenkt wurden, sollte ich nicht aus den Augen verlieren, was ich mir erarbeiten wollte. So einfach es auch sein könnte, mich in den einfachen Wegen zu verlieren, sind jene nicht die Wege, die ich gehen wollte und muss.

Wenn ich in zwei Wochen selbst zum Firmpaten werde, dann hoffentlich ebenso einer, der etwas Wissen vermitteln kann. Selbst, wenn es nur das einfachste und einzige ist, dass ich aktuell über die Lippen bringen kann: Manchmal ist es zu spät, die Dinge richtig zu rücken. Für immer. Eine weitere Chance auf etwas wichtiges, die sich aufgelöst hat. Für immer. Jede Sekunde, die man wartet, um alles ins Gleichgewicht zu bringen, ist eine Sekunde, die verloren ist. Für immer. Zu Warten ist einfacher, doch man zahlt den höheren Preis, wenn man zu lange wartet.

Ich wünschte, ich hätte die Streitereien ignoriert und den Kontakt gehalten. Und wer, wenn nicht du, hätte die Worte gefunden, um zu auszudrücken, wie traurig es ist, dass sich die Familien jetzt erst wieder zusammenraffen.

Es fühlt sich an, als sei alles trauriger geworden, als fehle die ironische Stimme, die den Tisch daran erinnert, wer wir wirklich sind. Ich wünschte, ich wäre gläubig genug, um daran zu glauben, dass du jetzt alles siehst und für mich weiter kommentierst. Für immer.

Leo 2B

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