Vier Jahre später – Teil 1

In den letzten Tagen musste ich oft an meine Zeit in Schottland zurückdenken. Vor fast exakt vier Jahren, am 13. November 2014, fand ich dort zum ersten Mal meinen Weg auf die andere Seite des Mikrofons. Das ist die Geschichte dazu. 

„Free Hugs here!“ Das Schild des glatzköpfigen Studenten, der vor mir die Arme ausbreitete, sprach eine deutliche Sprache. Es war die Freshers Fayre, dem Präsentierort der verschiedenen Societies und Gruppierungen, und ein skeptischer Erasmus-Student aus Belgien hatte den Stand gefunden, nach dem er gesucht hatte: Die Aberdeen University Student Association Comedy Society, oder AUSA ComSoc. Nun muss man wissen, dass ich Umarmungen schon an den besten Tagen nicht mag. Auf der anderen Seite: Ich wollte Teil dieser Gruppe sein, also umarmte ich den Mann und ließ mir von seinem Kollegen, einem viel zu gut für eine Comedy Society aussehenden Mann, ein Gratisticket für ihre Semester-Auftaktshow „Fuck It, We’ll do it live!“ aushändigen. „Ticket“ beschreibt ein Post-It, auf dem „Free Entry“ stand.

Bizarr. Gefällt mir. Und so fand ich auch wenige Tage später meinen Weg zu der Bar, in der die Show stattfand. Gemäß meinem Pünktlichkeitszwang war ich der erste von insgesamt drei Zuschauern, der seinen Weg zur Show fand. Da waren yours truly, und ein rothaariger, großer, bärtiger Mann mit seiner Freundin, der unfassbarerweise noch schüchterner war, als ich. Drei Zuschauer auf sechs Comedians. Klingt lustig. Nach einer kurzen Umfrage im Raum wurde entschieden, dass man auf jeden Fall die Show durchziehen würde, schließlich waren ja jetzt alle da.

LogoAusaComSoc
Das Logo 2013-17.

Die Show war fantastisch, an viele der Gags kann ich mich noch heute erinnern. Sei es eine Geschichte über einen Mann mit einem Glasauge, der dieses vor einem Haus stehend in die Luft wirft, um zu sehen, ob der Eigentümer daheim ist, oder die Geschichte einer Witzmaschine, die furchtbar dunkle Witze ausspuckte, die man nur unter dem Gesichtspunkt der Wissenschaft erzählen durfe. Aber so recht fühlte ich mich zu keinem Zeitpunkt wohl. Zuschauer zu sein gefiel mir nicht. Diese Menschen waren so talentiert, so anders, so bewusst uncool – mit Ausnahme von Rob Star, der zuvor bereits beschriebene Mann, der sein Set komplett improvisierte und damit den größten Erfolg hatte.

Es war auch jener Rob, der mich nach der Show ansprach und fragte, ob mir die Show gefallen habe. Meiner Antwort, ich hätte mich wohler auf der Bühne gefühlt, entgegnete er einfach: „Dann komm vorbei zu unserem nächsten Treffen, wir machen einen Schreib-Workshop für neue Leute.“ So einfach ging es und nur wenige Tage später befand ich mich im Taylor Building umringt von einer Gruppe wunderbarer Menschen. Die Stimmung war einzigartig, denn Smartphones waren in der Society verboten. Während den Versammlungen wurde sich nicht ausgeklinkt, weil man die kleinen lustigen Details des Lebens, aus denen Ideen entstehen, immer verpassen wird, wenn man auf sein Smartphone schaut. Eine Regel, die mir bis heute heilig ist.

Natürlich kann ich nicht die gesamte Gruppe vorstellen. Es genügt zu sagen, dass wir mehr Material für Mobbing in einem Raum gepackt hatten, als es gesetzlich erlaubt war. Ein Zimmer voller Bekloppter, die ihre selbstgeschriebenen Texte und Sketche präsentierten, um die anderen zum Lachen zu bringen. Dann wurde in der Runde diskutiert, wo die Stärken und Schwächen des Textes lagen, wo man Verbesserungsideen oder verpasste Pointen sah. „Nervenaufreibend“ beschreibt es nicht im Geringsten, wenn man seinen Selbstwert dadurch bezieht, dass man Leute zum Lachen bringt. Glücklicherweise war mein Text ein Hit und ich wurde direkt ins Line-Up für die nächste Show gesetzt: Holy F**king Sh*t Balls Batman! Was für ein Titel.

Holy Fucking Shit

Ich war nicht so sehr nervös, wie ich voller Vorfreude war. Denn das war keine Prüfung, vor der ich Angst hatte. Es war der erste Schritt in die Richtung, in die mich meine Gedanken seit ich 16 war rissen. Jede der Mittagspausen, in denen ich vor dem Tisch der essenden Mitschüler gestanden hatte und Sketche improvisierte, jede der Imitationen der Profs, mit denen ich Mitstudenten unterhalten hatte, jede lustige Kurzgeschichte, die die Ränder meiner Unterrichtsmaterialien säumte, alles hatte mir das Selbstbewusstsein gegeben, diesen Schritt zu machen.

Es war wunderbar, als „The Belgian: Michael  Kl- oh shit how do you pronounce THAT? Ehhrrgh well, Please make a lot of noise for Michael Please Insert Last Name Here“ anmoderiert zu werden. Diese gesamte Erfahrung war ein Erlebnis, das mich nachhaltig veränderte. Denn nun wusste ich, was mich glücklich machte und dementsprechend machte mich nichts anderes mehr glücklich. Später, bei meinem Abschiedsabend mit der Truppe, sprach ich mit Rob über das Gefühl, dass mir Stand Up gab und er antwortete mir etwas, das ich nicht vergessen werde: „Wenn du da stehst und die Menschen zum Lachen bringen kannst, und nichts dir so einen Kick gibt wie dieser Moment, dann gehörst du in die Comedy.“

Seitdem bin ich immer mal wieder auf Bühnen und trage Texte vor. Und während ich mich zu meinem eigenen Leidwesen mal an seriöser Lyrik versucht habe, bleibt eine Konstante bestehen: Jeder Lacher macht mich glücklicher als 100 Komplimente.

To be continued…