Bojack Horseman und das lustige Traurigsein

Bojack Horseman hat sich zu einer der hochgelobtesten Serien auf Netflix entwickelt – und das zu Recht. Die Serie zeigt nicht nur ein großartiges Talent dafür, alle Arten der Komödie abzuarbeiten, sondern auch dafür, mit tierischen Protagonisten auf die Tiefen der menschlichen Psyche einzugehen. Dies ist ein Plädoyer an jeden, sich die Serie anzusehen.

Man kann Bojack Horseman nur schwerlich beschreiben. Schließlich klingt die Idee, eine Serie über einen verwaschenen Ex-Hollywood-Star machen, nach 0815-Fernsehen. Kombiniert man diese Idee mit dem Genre der Fabel, drei Händen voll Wortspielen, den wunderschönen Animationen der talentierten Lisa Hanawalt, einem guten Soundtrack und vielen Stars in den Rollen der Protagonisten, dann hat man eine Chance, als Serie Erfolg zu haben. Diese Serie zeigt aber deutlicher, als das meiste, was man so in sich hineinschallen lässt, worin die Qualität einer Serie liegt: Den Autoren, die die Geschichte schreiben. Bojack Horseman hat mehr Tiefgang als die meisten Comedies und mehr herzzereißende Momente als viele Dramas. Woran das liegt? Für den Creator der Show Raphael Bob-Waksberg hat das einen einfachen Grund: 

Das Ziel war niemals: Lasst uns eine Enthüllung schreiben, dieser Sache auf den Grund gehen, lasst uns BoJack diagnostizieren. Ich denke es ging eher darum, diesen Charakter ehrlich zu schreiben und ihn ernst zu nehmen. Die Idee war, einen etwas stereotypischen oder bekannten Charakterzug zu nehmen und wirklich daran zu glauben, ehrlich und respektvoll zu sein. 

Raphael Bob-Waksberg im Interview mit Vice

Darin liegt die Genialität der Serie. Bojacks Depressionen dienen nicht als Charakterzug, der die Geschichte vorantreibt, auch nicht als Thematik der Serie. Sie wird auf keine die für Zuschauer verdaubaren Bruchstücke reduziert, sondern ist eine zerstörerische Kraft, deren Schaden niemals vorhersehbar ist und keinen Halt vor den Dingen macht, die wir als Zuschauer nicht verlieren wollen. Bojacks, aber auch die Innenleben der anderen Charaktere funktionieren komplex und folgen nicht der Logik des „einfachen Erzählens“. 

Von Staffel zu Staffel ruiniert Bojack sein Leben mehr, auf der Suche nach einer Ablenkung, einer Heilung von dem Gefühl der Bedeutungslosigkeit, welches sich in ihm breit gemacht hat, seit er mit seiner Berühmtheit an Bedeutung gewonnen hat. Wir sollten Bojack weder mögen, noch tolerieren können, doch seine sich immer wieder aufdrängende Bewusstheit über das, was er tut, und seine Suche nach einer einfachen Heilung für all seine Schmerzen weckt etwas in uns, denn wären wir nicht alle glücklich, wenn sich alle Probleme wie im Fernsehen zum Ende der Episode auflösen würden?

Doch so einfach ist das Leben nicht und dankenswerterweise erspart uns Bojack Horseman die Illusion der Auflösung aller Probleme mit einer schmalzigen Universalmoral-Lektion, die irgendein Charakter zum Ende der Episode nachdenklich in die Kamera spricht. Tatsächlich gibt es solche Lektionen in der Serie, doch es kommt niemals zur Auflösung, weil keine Lektion einen nach vorne bringen kann, wenn man nicht hart daran arbeitet. Wir verlieren die Illusion poetischer Lösungen für Probleme gemeinsam mit Bojack, das bindet uns an ihn. 

– You’re a millionaire movie-star, with a girlfriend who loves you, acting in your dream-movie! What more do you want? What else could the universe possibly owe you?

– I want to feel good about myself. The way you do. And I don’t know how. 

Aus einer Konversation zwischen Mr. Peanutbutter und Bojack. 

Wie kann eine solche Serie da noch lustig sein? Wieso sollte man eine Serie schauen, die einen konstant an das Schlechteste im Menschen erinnert? Einfach: Sie ist ein Erlebnis, das man so fast nirgendwo anders im Fernsehen findet. Da, wo die Simpsons in den 2010ern aufgehört hat, zu funktionieren, fängt Bojack Horseman an. Immer versucht, das eigene Genre zu durchbrechen, wird in einer Episode kein Wort gesprochen, während eine andere Folge aus einem 20-minütigen Monolog besteht. (Beide Episoden sind Teil der 10 besten im Kanon der Serie.) Für mich ist es die beste Serie, die ich jemals gesehen habe.

   

   

Weiteres Lesematerial zur Serie: 

How BoJack Horseman became the most empathetic show on television

‚BoJack Horseman‘ Season 5 Fails To Fix Its Toxic Masculinity. That’s Entirely The Point.

How ‚BoJack Horseman‘ Depicts Depression More Honestly Than Any Show On TV

‘BoJack Horseman’ Tackles Prestige TV’s Biggest Problem: The Troubled Man

Bojack Self-Deconstructs

The Bleakness and Joy of Bojack Horseman