Garry’s Welt #0: Zweitausend-f*cking-neunzehn

Hallöchen, Leser! Willkommen zur Einleitung meines Blogs Garry’s Welt. Hier möchte ich immer mal wieder aufschreiben, was hinter den Kulissen meiner Projekte passiert. Denn eines ist gewiss: Man verpasst im schnelllebigen Wahnsinn von Comedy und Politik vieles. Heute jedoch möchte ich über das Jahr sprechen, das wir bald hinter uns lassen: 2019.

In Worte fassen kann man dieses Jahr nur schwierig, soviel steht fest. Schließlich war ich über die letzten zwölf Monate verteilt: Wahlkampfmanager, Co-Präsident einer Partei, in einer politischen TV-Debatte, zum ersten Mal seit zwei Jahren als Comedian auf einer Bühne, dann auf vielen Bühnen, in einem Theaterstück, Gründer einer Satire-Seite und mit dieser Seite im Fernsehen. Wie Abed Nadir sagen würde: Cool. Cool, cool, cool.

Wirklich abzusehen war das nicht. Schließlich war ich relativ unzufrieden mit dem Jahr 2018 und hatte nicht den Mut, zu träumen. Anstatt meine Projekte und Ideen (z.B. Willkommen in Ostbelgistan, einer frühen Version von Ostbelgistan Daily) voranzutreiben, verlor ich mich 2018 in einer nicht enden zu wollen scheinenden Arbeitslosigkeit, die mir bis Oktober das Meiste meines Selbstvertrauens abgenommen hatte. Dann nahm ich einen Job in der Politik an.

Und so fing 2019 an: Mit einem Job, in dem ich aktiv im Führerhäuschen des grünen Wahlkampf-Zuges saß und Entscheidungen traf, die eine ganze Kampagne kaputt machen oder die Partei in den Bankrott hätten treiben können. Dementsprechend optimistisch mein persönliches Ziel: Die Partei nicht zerstören. Das war übrigens Pre-Rezo.

Wenn man mal eine längere Zeit unfreiwillig arbeitslos war, dann beginnt man, einen Job ganz anders wahrzunehmen. So aggressiv kräftezehrend, wie ein Wahlkampf auch ist, gibt man immer 100% weil man weiß, dass das Geld nicht vom Himmel fällt. Diese Lektion habe ich 2019 gelernt.

Ein Dekor, das auf den Job einstimmt. In Nähe zu mächtigen Menschen, stressig, aber doch manchmal wie in einem postmodernen Film, sodass man shakespearische Monologe hält.

Eine andere Lektion, die ich dieses Jahr lernte, die aber jeder VOR einem Wahlkampf oder größeren Projekten mit dem Potenzial, im Fall des Scheiterns Jobs zu kosten, lernen sollte ist: Kein Problem ist so schlimm, als dass es nicht gelöst werden könnte. Beispiel: Stell Dir vor, Dir springt die bereits in den Medien von DIR vorgestellte Spitzenkandidatin eines Wahlgangs überraschend ab. Stell Dir vor, Du bestehst auf Öko-Plakate, die sich beim ersten Regen auflösen. Nichts ist so schlimm, als dass es nicht irgendeine Lösung gäbe.

Das Gesicht eines Mannes, der richtiggehend denkt, die Vorstellung dieser Kandidatin würde die Kampagne in Schwung bringen.

Man muss nur den eigenen Perfektionismus gegen kalten Pragmatismus eintauschen, dann funktionieren viele Dinge besser.

Perfektionismus ist ein Laster, keine Tugend. Das habe ich bei der TV-Debatte zur Föderalwahl gelernt. Schaut man sich die Debatte heute an (also Du jetzt, ich werde noch etwas Zeit brauchen, bis ich das kann), so ist meine Performance gar nicht so schlecht. Für einen gerade 25-jährigen Newbie, der viel zu erschöpft für diese Aufgabe ist, schlage ich mich beachtlich gegen die Profi-Politiker. Nur war das nicht mein Ziel. Ich wollte gewinnen. Ich wollte mehr wissen als die Leute, die die Akten beruflich bearbeiten und charmanter sein als die Leute, die beruflich Menschen anlächeln. Objektiv unmöglich, subjektiv das erklärte Ziel. Vermutlich der Nebeneffekt davon, sehr jung in sehr wichtige Ämter zu rutschen.

Zu diesem Zeitpunkt muss sich der Verdacht aufdrängen, ich sei aus Frustration darüber in die Comedy gewechselt, in der Politik nicht der bright young star gewesen zu sein, der ich hätte sein können. Und tatsächlich hat mancher Politiker mir die Frage gestellt: „Michael, warum gehst du jetzt aus dem Präsidenten-Amt, wenn du von dort deine Kampagne für 2024 aufbauen könntest?“

Einfach: Ich bin dankbar für die Gelegenheit, einen Job in der politischen Administration zu haben und möchte den zur Zufriedenheit aller ausführen. Doch eine Karriere als Politiker, das ist nicht meine Berufung und hat über die Herausforderung heraus wenig Anreiz für mich.

Man kann viel über Politiker lachen und ihre Entlohnung in Frage stellen. Aber man muss Ihnen Respekt zollen, denn über sich selbst Zeitungsartikel zu lesen, wenn man für seine Meinung einsteht, kann nicht immer einfach sein. Und selbst wenn man nur aus Ego Politiker wäre, muss man dennoch viele Opfer bringen. Aber weil sie an ihr Projekt glauben, haben sie die Kraft dazu. Und diese Beobachtung hat mich bewogen, an meine Projekte zu glauben.

Der Blick auf die Bühne, auf der ich mein Theaterdebüt feiern durfte.

Seit ich ein Teenager war, ist es meine Passion, Menschen zum Lachen zu bringen. Über die Jahre sind aus den Notizen in den Rändern meiner Unterrichtsblätter Geschichten, Sketche und Stand-Up Sets geworden. Aber nie hat sich daraus etwas „Reales“ entwickelt. Dann kam mir die Idee für Garry is unemployed. Die Geschichte ist schnell erklärt: Die fiktionalisierte Version meines Jahres 2018, wäre ich statt in Melancholie in eine Odyssee gezogen. Und Garry zu spielen macht Spaß. Garry ist Michael ohne das tausendfache Überdenken.

Und wenn man Glück hat, kommt das Glück auch doppelt. So wurde ich durch Zufall Teil des Ensembles von Es lebe das Vaterland! Mehr als nur Theater! (Dem Theaterstück zur hundertjährigen Zugehörigkeit Ostbelgiens zu … Belgien.) Und auf diesem Weg konnte ich gleich noch einen Punkt von meiner F*ck It List streichen: Schauspielern.

„Und du willst mir sagen keiner hat daran gedacht, uns auch außerhalb der Proben als Belgienflagge zu verkleiden?“

Der fast schon verdächtig gute Teil des Jahres begann in dieser Zeit, als ich Comedy-Auftritte und Theateraufführungen jonglieren „musste“. Mit einer Rolle „nur noch“ hinter den Kulissen der Politik hatte ich nun den Freiraum, den ich brauchte, um die Dinge zu tun, die ich schon immer machen wollte. Deshalb passt es vermutlich ganz gut, dass ich das Jahr mit Ostbelgistan Daily beende. Die Kommentare über das Geschehen in der Politik habe ich schließlich nie eingestellt, sie wurden nur leiser und der Kreis der Zuhörer exklusiver. Hier also die letzte Lektion, die ich aus dem Jahr 2019 mitnehme: Satire ist nur dann Satire, wenn man öffentlich macht und genau so zu der Satire steht, wie die Politiker zu ihrer Meinung.

Und 2020? Nun, vielleicht ist es das Jahr, in dem ich meine Liste an Zielen abschließe. Vielleicht ist es aber auch das Jahr, in dem auf der Liste viele neue Ziele hinzukommen. In jedem Fall wird es das Jahr, in dem ich viel Spaß mit meinen Projekten haben werden. Ob erfolgreich oder nicht spielt dafür keine Rolle.

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