Lasst uns streiten!

Ich kann nur hoffen, dass Schröders Kommentar im GRENZECHO.net „Schluss mit lustig“ heute bewusst vereinfachend war, um eine Diskussion anzuregen, sonst würde ich ein Fischgrätendiagramm brauchen um zu erklären, warum so ein Text eine Katastrophe ist.

Aber spielen wir mal mit und nehmen die Diskussion etwas polemisch auf: Alles wird hier zusammengeworfen in einem Kommentar, der wohl mal erklären wollte, warum es die Populisten so einfach haben, der aber leider damit endete, sie zu unterstützen und zu emulieren.

Natürlich trifft Schröder ein paar Dinge – was aber klar ist, weil er ziellos auf alles ballert, was im entferntesten mit Politischer Korrektheit zu tun hat. Also möchte ich gerne auf 4 Punkte eingehen:
1. Mit der Lustigkeit ist’s vorbei.
2. Es braucht Grauzonen zum Entgleisen.
3. Pol. Corr. vergiftet politische Debatten.
4. Ohne Ventil kommt es zur Explosion.

1. Mit der Lustigkeit ist’s vorbei: Ich bin sehr froh, dass man hier nicht direkt ins Absolut gesprungen ist und nur das Ende des Karnevals und der Lustigkeit allgemein vorhersagt. Gegenfrage: Müssen Dinge provozieren, um lustig zu sein? Es gibt noch einen Unterschied zwischen Altherrenhumor und Humor allgemein. Es hat schon einen Grund warum ersteres so heißt.
Und ja, nicht jeder Witz sollte zur Kategorisierung als Sexist, Rassist, Homophober machen. Absolut nicht. Gleichzeitig habe ich in meinen Bühnenerfahrungen immer wieder erlebt, dass es riesige Freiräume bietet, wenn man mit seinen Taten klarmacht, dass man ironisch spricht. Wer junge Frauen in Konversationen nicht ernstnimmt und sich des einen oder anderen Witzes über ihr Aussehen bedient, dem glaubt man das mit der Gleichberechtigung auch nicht mehr. Die Gesellschaft hat den Glauben an das „tief in seinem Inneren ist er/sie ein guter Mensch“ überlebt.

2. Es braucht Grauzonen zum Entgleisen: Nein, wir wollen nicht gleich, dass eine Guillotine fällt, sobald man in kleiner Runde einen unkorrekten Witz macht. Doch ist es das Bestehen auf jene „Grauzonen“, die Sexismus, Rassismus und Hass salonfähig machen (im doppelten Sinn). Das Problem hier: Der Irrglaube, man dürfe sich egal wie verhalten, weil man in einem geschlossenen Raum der Mächtigste ist: Das ist nämlich die Crux der Metapher des Fußballtrainers, der hohen Politiker und Firmenbosse, der Weinsteins und allgemeinen Arschlöcher in Machtpositionen, die „falsch verstanden“ wurden von „übersensiblen Schneeflocken“. Sie werden nicht belauscht, sie scheren sich nur nicht darum was die Leute die zuhören denken oder fühlen und verletzen damit. In einer Welt in der Donald Trump in einem privaten Gespräch prahlt, man könne als Chef des Schönheitswettbewerbs den Frauen beim Umziehen zuschauen, was als „Locker-Room-Talk“ abgetan und deshalb für okay erklärt wird, fühlen sich vermutlich nicht alle wohl. Wessen Problem ist das dann? Das der Geschadeten?
Ja, auch hier gibt es den Gegenteil-Effekt: Wenn private Unterhaltungen, in denen ein unkorrekter Witz gemacht wird, veröffentlicht werden und der Internet-Mob ohne Rücksicht auf Verluste die Leute kreuzigt. Da sind wir tatsächlich einer Meinung, aber bitte vereinfachen Sie die Geschichte nicht auf: Es braucht Grauzonen punkt.

3. Political Correctness vergiftet politische Debatten: Das Lied des Populismus, jede einzelne Partei kennt es in jeder nur erdenklichen Tonlage: „Wir sind ja gut populistisch, die anderen sind schlecht populistisch.“ Natürlich überlässt man den eindimensionalen Parteien das Feld, wenn man sich die Zeit nimmt, Dinge zu recherchieren und mit Fakten zu argumentieren. Jetzt müsste man aber einen Gegenvorschlag haben, der nicht Politik als solches überflüssig macht. Wenn die Antwort ist, dass alle auf Formulierung und Inhalt scheißen, damit man Nazis etc bekämpfen kann, dann sparen wir uns das mit dem Parlament und machen Umfragen in Facebook-Gruppen. Die Demokratie wie wir sie kennen ist nicht ausgelegt auf das Zeitalter der Sekundenmeinungen. Factchecking und starke Medien sind unfassbar wichtig und es braucht Politiker, die genug nachdenken, um keine Entscheidungen zu treffen, die Populisten in die Hände spielen. Da fallen mir abseits von Thüringen auch hier ein paar schlaue Ideen und Sprüche ein, die Politikverdrossenheit unnötig hochtreiben.

4. Ohne Ventil kommt es zur Explosion: Das Problem ist in meinen Augen nicht die Verbietung von kontroversen Meinungen, sondern die gegenseitige Angriffskultur, die zwei Lager geschaffen hat. Aber Ausrutscher sind halt eben oft nicht Ausrutscher. Man kriegt keinen Nazi abgeregt, wenn man ihn alle paar Wochen „Heil Hitler“ rufen lässt. Sexisten sind keine Feministen wenn wir sie alle paar Tage Frauen erniedrigen lassen. Symptome lindern löst keine Probleme. Es braucht Kommunikation zwischen den Seiten: Und diese wird nicht funktionieren, wenn sich nicht beide an Regeln halten. Das ist die Grundidee hinter PC, an die ich glaube und von der ich leider weiß, dass sie übertrieben wird. Aber noch ist nicht aller Tage Abend.

In dem Sinne,
Alaaf!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s