Lasst uns streiten!

Ich kann nur hoffen, dass Schröders Kommentar im GRENZECHO.net „Schluss mit lustig“ heute bewusst vereinfachend war, um eine Diskussion anzuregen, sonst würde ich ein Fischgrätendiagramm brauchen um zu erklären, warum so ein Text eine Katastrophe ist.

Aber spielen wir mal mit und nehmen die Diskussion etwas polemisch auf: Alles wird hier zusammengeworfen in einem Kommentar, der wohl mal erklären wollte, warum es die Populisten so einfach haben, der aber leider damit endete, sie zu unterstützen und zu emulieren.

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Zum Welttag der Menschenrechte: Die Scheiße mit dem Gewissen

Eine der bekannteren Regeln des Lebens lautet: Wenn du etwas magst, finde nicht heraus, wie es gemacht wurde. The Sausage Principle. Als ich heute Morgen, am Welttag der Menschenrechte, auf meinen Weihnachtskalender schaute, da verging mir ein wenig die Lust auf die Schokolade, die sich darin verbarg. Ich meine, mal ehrlich, da hatte ich dieses Jahr extra den teuren Milka-Kalender gekauft, da in den „billigeren“ Marken des Öfteren mal dank der Verpackung ein Schüsschen Rohöl steckt (Link unten), und jetzt stelle ich fest, dass meine Schokolade mit der Arbeit von Kindersklaven produziert werden könnte. That’s why we can’t have nice things.

Der Reihe nach: Schokolade, wie wir sie kennen, gäbe es nicht ohne Kakao-Bohnen, und der größte Markt dafür befindet sich in West-Afrika. Alleine die Elfenbeinküste und Ghana produzieren mehr als die Hälfte der kostbaren Kakao-Bohnen, die weltweit verarbeitet werden. Das Problem der Sklaverei in der Schokoladenindustrie ist durchaus nicht neu. Nestlé wurde bereits mehrfach verklagt, Sklaverei bei den Zulieferern ihrer Kakao-Bohnen zu ignorieren, doch die Fälle kamen nie bis zum Obersten Gericht – Begründung: Es besteht kein direkter Bezug zur USA, wo viele Hersteller ihren Sitz haben. Überhaupt sollte das Problem mit dem Harkin-Engel Protokoll 2001 gelöst werden. Ziel: Keine Kinderarbeit in der Schokoladenindustrie mehr bis 2005. Das Ziel wurde auf 2008, 2010 und letztlich gänzlich abgeändert zu: Nur noch 30% der Kinderarbeit, die es aktuell gibt, bis 2020. Das soll nicht heißen, dass nichts getan wurde. Tatsächlich haben große Firmen Initiativen gestartet und Pilotprojekte finanziert, leider waren diese Aktionen nicht genug, um den Übeltätern auch nur annähernd die Grundlage zu entziehen. Den guten Gedanken spreche ich jedem ab, der ein Problem nicht anerkennt und es niemals öffentlich thematisiert.

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Beim nächsten Besuch im Supermarkt einfach mal drüber nachdenken, wie die Waren an ihren Platz gekommen sind. Oder lieber nicht?

Und so kamen die Klagen zurück. Mehrere große Firmen mussten sich die Anklage gefallen lassen, man habe sich nicht gegen die Sklaverei der Zuliefererfirmen gewehrt. Ist doch irre, nicht? Man ist öffentlichkeitswirksam gegen Sklaverei, doch wenn der Preis jener Bohnen am billigsten ist, sieht man darüber hinweg. Und die Verteidigung ist, dass man als Hershey, Mars, Nestlé, ADM Cocoa, Godiva, Fowler’s oder Kraft nicht mehr tun kann, als man tut. I call bullshit. Die Firmen, denen unter anderem Mars, Snickers, Bounty, m&m’s, Twix (alle Mars), Milka, Toblerone, Cote d’Or (Kraft) oder KitKat (Hershey) angehören, könnten eine Rückverfolgung der Kakao-Bohnen starten und sich nur noch von „Sklaven-freien“ Firmen beliefern lassen. An dieser Stelle eine Pause, damit man sich diesen Satz noch ein Mal durchliest und einem bewusst wird, wie grotesk das alles doch ist.

Und ja, es gibt noch ein Licht am Ende des Tunnels, eine Möglichkeit, Schokolade zu genießen, ohne sich schlecht zu fühlen. Einige kleinere Firmen arbeiten schon heute mit „sklavenlosen“ Kakao-Bohnen, für die die Arbeiter gerecht entlohnt werden. Direkt hier die Antwort auf die Frage, die Dir in den Kopf kommen mag: Ja, sie ist teurer. Aber ist es nicht lustig, dass wir dies als Kriterium für unsere Nahrung sehen? Hauptsache billig, egal wie man dazu kommt? Es ist in den Händen der Konsumenten, den Firmen ein klares Zeichen zu senden, dass wir dieser Art der Ausbeutung widersprechen. Wer für unser Essen leidet, geht uns was an. Alternativen gibts:

Kennen Sie Tony? Wie steht’s mit Tony’s Chocolonely? Die niederländische Firma produziert Schokolade, die kein schlechtes Gewissen mit sich zieht. Die Produktion an sich findet in Belgien, in der Nähe von Leuven, statt, in der Fabrik von Barry-Callebaut, dem Branchengiganten, der sich offen mit dem Problem der Sklaverei auseinandersetzt.

Auf tonyschocolonely.com kann man seine eigene Verpackung für die Schokolade entwerfen und sie dann verschenken. Eine gute Idee. Und wer sucht, der findet auch nachhaltig gesunde und legale Schokolade bei uns in den Regalen.

 

Links:

Quellen: 

https://www.saveur.com/chocolate-child-slavery

http://fortune.com/big-chocolate-child-labor/

http://www.foodispower.org/slavery-chocolate/

https://planetes360.fr/cessez-de-soutenir-lesclavage-enfants-evitant-7-entreprises/

http://edition.cnn.com/2017/06/02/world/tonys-chocolonely-slavery-free-chocolate/index.html

http://www.paris-normandie.fr/actualites/economie/de-la-feve-au-cacao-barry-callebaut-prone-un-chocolat-durable-AB11549696

Die Sache mit dem Mineralöl, die Du bestimmt nie wieder vergessen kannst:

https://www.test.de/Adventskalender-mit-Schokoladenfuellung-Mineraloel-in-der-Schokolade-4471436-0/

https://www.foodwatch.org/de/informieren/mineraloel/aktuelle-nachrichten/laut-behoerde-diese-adventskalender-sind-belastet/

http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/oeko-test-schokolade-oft-mit-mineraloel-belastet-a-1155013.html

 

Ein Wunsch nach Rache

Ich erinnere mich noch gut an ein Buch, das wir einst in der Universität bearbeiteten. In Nadine Gordimers The House Gun wird nach dem Mord eines jungen Afrikaners an seiner Freundin das Thema der Todesstrafe und die Rolle derselben in der Gesellschaft verarbeitet. Ein Satz ist mir dabei dauerhaft im Gedächtnis geblieben: „And maybe for the good of society they ought to be done away with.“ Vielleicht wäre es besser für uns alle, wenn sie abgeschafft würden, diese Menschen. In unseren Breitengraden ist die Todesstrafe schon längst nicht mehr geläufig, unser Justizsystem funktioniert nach einem Prinzip, in dem Kriminelle nicht beseitigt, sondern verbessert werden müssen. Und dennoch gibt es Momente wie diese:

Emotionalität ob der Grausamkeit eines Terroranschlags ist okay. Trauer und Wut sind verständlich. Der Wille nach Rache ist verständlich. Aber der Ruf nach der Todesstrafe ist einer, der dem Ideal unserer Westlichen Welt widerspricht. Das Richten über Leben und Tod steht uns in unserem Glauben an die Unantastbarkeit des Lebens nicht zu. Und doch lese ich dieser Tage Dinge wie:

Ge

Ist es nicht genau dieser Punkt, an den uns der Terror bringen soll? Dahin, wo wir blind vor Wut unsere Rechtssysteme über den Haufen schmeißen, um die Genugtuung der Rache zu erfahren. Wo wir über die Menschlichkeit hinaus gehen, um das letzte Wort zu haben. Feuer mit Feuer zu bekämpfen ist der feuchte Traum des Pyromanen. Und das passiert aktuell. Der westlichen Welt wird erneut und erneut das Haus in Brand gesetzt – metaphorisch gesprochen. Beginnen wir, die Brandstifter auf den Scheiterhaufen zu stellen, so haben wir bereits den Kampf gegen die Pyromanen verloren. Ein Wettbewerb der Grausamkeit darf nicht entfachen.

Anders gesagt: Fordern wir die Todesstrafe in Fällen der besonderen Grausamkeit, überschreiten wir eine Linie, die sich zum Strick um unseren eigenen Hals formt. Töten wir selbst im Glauben, dies aus Gerechtigkeit zu tun – sind wir nicht mehr besser als die Terroristen und Mörder, deren geistige Verrohung wir auszumerzen versuchen.

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